Krakau 2012

 

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Kreidezeit


Mittwoch war ich auf der besagten Tour, auf der ich zufällig die verbleibenden zwei der fünf Kanadier wiedertraf. Nach dem Fußmarsch machten wir uns auf, einen Geheimtipp des Tourguides zu besuchen: Ein kleines Pierogi-Restaurant, das lecker und günstig die Teigtaschen in allen Variationen anbot. Wir teilten uns Kartoffel-Käse, Spinat und Hackfleischpierogis. Dazu selbstgemachten Barszcz, die polnische Suppe aus Fleischbrühe und ausgekochter rote Beete. Die wird hier auch in ausgespülten Vodkaflaschen von Omis am Markt verkauft. Immerhin besser als dieses Instant-Zeug! Nach dem Mittagessen hatte ich ein paar Stunden Schule, wonach wir uns für den Gang ins Museum unter dem Marktplatz wiederfanden.



Am Freitag fuhr ich aus Zeitdruck aus der Innenstadt mit dem Taxi zur Schule. Fahrtzeit: 10 Minuten. Kostenpunkt: 2 Euro. Mir scheint, dass jeder, der eine fahrbare Schüssel unterm Hintern hat, sich als Taxifahrer lizensieren lassen kann. Dafür müssen sie allerdings ihre besten Jahre schon hinter sich gebracht haben. Die Autos, meine ich. An der Schule erwartete mich direkt mein erster Unterricht. Zwar mit der Lehrerin als Geheimwaffe, aber selbst an der Tafel. Kleine Herausforderung, aber es hat eigentlich ganz gut geklappt! Und ich kann rückwirkend die Lehrer aus meiner Schulzeit besser verstehen. Przemek, hörst du mich da hinten? Nein? Mach den Mund zu, dann geht's vielleicht!

In den nächsten beiden Stunden war ich in der mit etwa 20 Schülern größten Klasse. Die Lehrerin hat sich für diesen Unterricht das Thema "Studentenleben in Deutschland" ausgesucht. Der dafür ausgesuchte Film der "Redaktion D" behandelte hierfür zufälligerweise Bonn. Witzig! Die Hofgartenwiese mit der Uni, die Fußgängerzone (leider nicht den Part mit dem Cafe Göttlich), die Rheinaue und das Siebengebirge - schon komisch, das in einem Film für Deutschlerner zu sehen. Aber darüber hatte ich wenigstens etwas zu erzählen, und die Fragen kamen angesichts der Auswahl "Fragen an den deutschen Student, oder Grammatikübungen!" auch nicht zu kurz. Was ist eine WG? Wo kann man abends in Bonn hingehen? Wie findest du polnischen Vodka? Was kostet in Deutschland ein Stück Gras? Äh Moment, das könnt Ihr unseren Gast doch nicht fragen. Das geht zu weit.

Meine samstägige Auszeit genoss ich trotz den vielen Erlebnissen auch sehr. Hatte wieder mal Zeit und Gelegenheit, mit Ani über Skype zu televideofonieren (videotelezufonieren?). Zwar hab ich mich bei leichtem Regen und fiesem Wind doch zum Laufen rausbewegt, aber dafür auch nachmittags massieren lassen - anderthalb Stunden lang. Ich fühle mich, als hätte die meine Wirbelsäule ausgebaut und neu kalibriert. So wie die mich zusammengefaltet hat, hätte ich auch beim Supertalent-Casting als Schlangenmensch auftreten können. Aber den richtigen Nerv hat sie im wahrsten Sinne des Wortes getroffen. Ich hab geschlafen wie ein Baby.

Am Wochenende war ich mittlerweile wieder in dem schicken Cafe in Kazimierz angekommen, wo ich mich mit alkoholfreien Bieren unters Volk gemischt hab. Hier hab ich stabiles Internet und sitze nicht den ganzen Tag im Hostel. Auch Rosenverkäufer gibt es hier. Anstatt in Gestalt von Pakis in Lederjacken kommen jedoch zarte Mädchen mit einem großen Korb herein, der mit kiloweise Rosen gefüllt ist. Und der polnische Gentleman winkt nicht einfach ab, sondern bietet der Herzdame eine Rose an. Naja, die winkt dann aber meistens ab. Ein weiterer Unterschied ist der Belegdrucker, der den Verkäuferinnen zusammen mit der Verkäuferlizenz um den Hals baumelt. Den Steuern zuliebe. An meinen Tisch haben sich gerade drei Polen gesetzt, die sich der im Cafe herrschenden Lautstärke wegen gegenseitig anschreien. Einer schrie mir gerade ins Gesicht, ob ich nicht auch noch ein Bier will. Neenee, sagte ich, ich muss eh gleich gehen. Hatte keine Lust zu erklären, dass ich gerade nichts trinke. Wahrscheinlich meines Akzentes wegen, fragte er mich, woher ich denn käme. Aus Bonn? Ja, da war ich auch vor 15 Jahren. Da hab ich Jura studiert, entgegnete er in perfektem Deutsch. Die Stadt hört auch nicht auf, mich zu verfolgen. Aber sie hat mich bald wieder, denn ein mit gemischten Gefühlen behafteter Gedanke war: Es ist Halbzeit!

3.4.12 13:24

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