Krakau 2012

 

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Geschichtshausaufgaben


Wann kennt man sich in einer Stadt gut aus? Wenn man von überall nach Hause findet? Wenn man die Bus- und Straßenbahnlinien kennt? Die besten Snacks, schicke Bars, Geheimtipps abseits der Touristenpfade? Ich habe diese Woche herausgefunden, dass man eine Stadt gut kennt, wenn man ihre Geschichte kennenlernt. Steine können viel erzählen, wenn man ihnen das richtige Sprachrohr verleiht.

Also machte ich mich nach einem unspektakulären Dienstag, bestehend aus Unterricht und Arbeit, auf die zweite Free Walking Tour: durch das königliche Krakau.

Zwischen der ersten Besiedlung des Wawelhügels vor mehreren zehntausend Jahren und der Zerstörung des altertümlichen Stadtkerns durch die Mongolen im 13. Jahrhundert wurde die Stadt wegen ihrer guten geografischen und strategischen Lage zur Hauptstadt Polens. Die Mongolen mit ihrer "Goldenen Horde" schlich sich jedoch eines Nachts an die Stadt heran, um sie zu überfallen. Das bemerkte eine Wache in einem der beiden Türmen der Marienkirche, die für den Zweck des besseren Überblicks um ca. 12 Meter erhöht wurde, und blies die Trompete, die eigentlich das Zeichen für die Feuerwehr war, dass es irgendwo (!) in der Stadt brannte. Ein mongolischer Bogenschütze fand die Musik scheiße und schoss aus einer Entfernung von 600 Metern dem Trompeter einen Pfeil in den Hals. Da hörte er auf zu spielen.

Die gewarnte Bevölkerung fand dank der Wache sichere Zuflucht in der Burg Wawel, jedoch konnten sie die Stadt nicht mehr retten. Noch in der selben Nacht zündete die Horde die Stadt an. Sie brannte fast völlig nieder. Der trompetenden Wache zu ehren wird bis heute die Melodie stündlich in alle vier Himmelsrichtungen gespielt, auch nachts. Genau beim selben Ton, der auch dem mittelalterlichen Trompeter im Halse stecken blieb (hrhrmpf), stoppt die Melodie. Das ist eine so wichtige Tradition, dass es täglich um 12 Uhr live in ganz Polen im Radio übertragen wird.

Weiter in der Geschichte dieser beeindruckenden Stadt: Nachdem sie, diesmal inklusive einer Stadtmauer, um etwa 4 Höhenmeter angehoben (warum auch immer) im Schachbrettmuster wieder aufgebaut wurde, kamen einige Königsgeschichten, an die ich mich nicht so genau erinnere. Im 16. Jahrhundert kam dann allerdings ein König an die Macht, der in den 40 Jahren Amtszeit zeitweise auch König von Schweden und Zar von Russland war, und der von dem Tourguide als schlimmster König der Geschichte betitelt wurde. Er war nämlich nicht nur ein Versager, der sich nicht um sein Volk kümmerte, sondern auch ein furchtbarer Hobbyalchemist. Bei seinen Experimenten auf der Wawelburg setzte er versehentlich seine Alchemistenküche in Brand. Leider war das im Januar, und die Weichsel sowie die Brunnen waren so fest zugefroren, dass es mit dem Löschwasser übel aussah. So brannte ein Teil der Burg aus. Während des Wiederaufbaus wurde der Regierungssitz nach Warschau verlegt, wo er bis heute ist.

Während des zweiten Weltkrieges, so viel noch, fiel keine einzige Bombe auf Krakau, da die viel mit Artillerie arbeitende sowietische Armee die Wehrmacht schon so weit zurückgetrieben hatte, dass eine Bombardierung nicht notwendig war. Ivan nahm die Stadt einfach in Beschlag und errichtete das damals größte Stahlwerk der Welt in der Trabantenstadt Nowa Huta ein paar Kilometer außerhalb der Stadt, deren Emissionen bis in die 90er Jahre hinein die alten Gemäuer schädigten und schwärzten. Die ersten freien Wahlen der Nachkriegszeit 1989 ermöglichten wieder eine freie Entwicklung der Stadt.

Daraus resultierten auch die Ausgrabungen, die zwischen 2005 und 2010 auf dem Marktplatz stattfanden. Der ganze Platz sah 2005 aus wie ein schweizer Käse, aber schon ein paar Monate später hatte man eine Betondecke über die Ausgrabungen gelegt - den Touristen zuliebe. Nach der Fertigstellung errichtete man ein Museum da unten, das ich am Mittwoch besuchte. Seltsames Gefühl da unten, meterweit unter den Füßen der Touris, Jahrhunderte in der Zeit zurück...



Kunstvoll wurde in dem interaktiven Museum das Leben des mittelalterlichen Krakaus rekonstruiert, mit Themen wie den Handelsrouten, der mongolischen Zerstörungswut und dem Alltag vor gut 500 Jahren. Der Kollege auf dem Bild wurde übrigens gefesselt begraben, damit er nicht als Vampir wieder aufersteht und die Stadt heimsucht. Find ich legitim. Sicher ist sicher!

Somit hätte ich also meine Hausaufgaben gemacht und bin damit der Stadt noch ein ganzes Stückchen näher gekommen. Für das Geschichtsreferat hab ich mir übrigens ne eins gegeben.

31.3.12 21:43

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