Krakau 2012

 

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Schlagabtausch

Ohne Touristen und abseits der üblichen Pisten ist Krakau eine ganz andere Stadt, als man sie aus Reiseführern, durch Fernsehbilder und von Postkarten kennt. Der Charme des gescheiterten Kommunismus erzählt eine interessante Geschichte, für die man etwas weiter über den Tellerrand schauen muss, als es der Altstadtkern erlaubt.

Meine neue Angewohnheit, um sechs Uhr dreißig aufzustehen, erweist sich als praktisch, nicht nur in der Hinsicht, als dass ich ganz anders in die Gänge komme, als ich es von Nachtschichten und Schlummertasten gewohnt bin. Meist überliste ich den Wecker um fünfzehn, zwanzig Minuten und bin vor der sowieso schon früh angesetzten Weckzeit wach. Hatte kurz überlegt, ob ich den Apparat im Siebenminutentakt aus vollem Halse anschreien sollte, damit der mal weiß, wie das ist. Den ersten Schlagabtausch des Tages hätte ich damit jedenfalls gewonnen.

Ein Zimmerwechsel stand bevor, da das Hostel mit der verschobenen Buchung irgendwas durcheinandergebracht hatte. Soll mir recht sein - das erste Zimmer war zwar durchschnittlich für ein Hostel, aber nicht das beste. Außerdem fehlte ein Brett vom Lattenrost, was das Schlafen etwas unkomfortabler machte - aber da ich von Anfang an von dem Umzug wusste, wollte ich das neue Zimmer abwarten, bevor ich reklamierte. Erstmal musste ich jedoch meinen Kram wieder einpacken (hatte aber aus diesem Grund auch nicht ganz ausgepackt) und an der Rezeption zur Aufbewahrung abgeben. Die Nachtschicht des Hostels, Paweł, mit dem ich mich gestern eine Weile unterhalten hatte, saß nach knapp 12 Stunden immer noch hinter dem Tresen und sagte mir, ich könne ab 13 Uhr in mein neues Zimmer ziehen.

Da ich keine weiteren Informationen bekommen hatte, stand ich mal vorsichtshalber um 8 auf der Matte des in der Altstadt gelegenen Privatgymnasiums. Auf dem bewölkten Weg über den Rynek (die Schule befindet sich mitten in der Altstadt) war statt der üblichen Touri-Horde eine Militärparade zu sehen - stillgestanden!



Ich konnte in der Schule zwar verständlich machen, dass ich Frau Mejbaums Praktikant sei, aber damit erschöpfte sich auch die Kommunikation. Schnell war einer derjenigen, die in Deutsch bald ihr Abitur machen werden, aus dem Klassenraum geholt und fungierte, ein bisschen nervös angesichts der sprachlichen Herausforderung, als Dolmetscher. Gar nicht mal so schlecht, dachte ich mir; mit diesem Niveau ist es sehr leicht zu arbeiten. Man kann nämlich alles auf Deutsch erklären.
So erklärte er mir, dass die Deutschstunden wegen des gerade abgeschlossenen Schüleraustausches heute ausfallen sollten. Ich sagte "Ach schade"; ich dachte "Geil! Heute frei!"

Der Direktor hatte in der Zwischenzeit Frau Mejbaum ans Telefon geholt. Willkommen in Krakau, kommen Sie doch morgen um acht Uhr dreißig in die Schule, dann können wir alles besprechen.

Im nächsten mit WLAN-HotSpot ausgestatteten Cafe breitete ich mich somit erstmal aus und konnte mich von dort aus gut um die Arbeit zuhause kümmern. Ein paar Stunden die Woche, so vereinbarte ich das, sind auf jeden Fall drin. Mir ist das ganz recht, denn so vermeide ich ein Auftürmen von Routinearbeiten sowie den Ausfall der kompletten Arbeitsstunden. Gegen Mittag trieb mich der Hunger dann zurück ins Hostel, wo ich zuerst mein neues Zimmer bezog. Jetzt scheint mir zwar morgens die Sonne nicht mehr direkt rein, aber hey - ich kann zufrieden sein! So gar nicht üblich für ein günstiges Hostel: Geräumig, schick und gut eingerichtet!



Nach Bezug machte ich mich wegen Trainingsausfall für die 4 Wochen auf die Online-Suche nach Wing Tsun-Schulen in der Gegend. Fand eine mit vergleichbarem Stil. Acht Uhr, klang fair, Zeit für ein Mittagsschläfchen.
Mein Polnisch-Lehrbuch und das Internet (in diesem Zimmer ist die Verbindung viel besser - Skype ahoi!) beschäftigten mich die nächsten Stunden, bis ich die Route zum Training raussuchte. Mit der Straßenbahn ging es dann 15 Minuten lang rumpelnd und knarzend in einen Stadtteil südöstlich der Altstadt. Vorbei an rußgeschwärzten Wohnblocks, einem Opa, der mit einem selbstgezimmerten Grill Würstchen briet und einer modernen Kunsthalle, bis ich eine Schule mit beleuchteter Sporthalle fand. Yoga? Nee, aber mit Hilfe eines auf seine Karatestunde wartenden Rentners (Przepraszam, czy Pan mówisz po angielsku?) zum nächsten Raum. Hier war ich richtig und wurde mit passablem Deutsch und gutem Englisch begrüßt. Ja, Wing Tsun sei hier. Der Sifu (Chinesisch für Trainer-Vater) sei noch nicht da, aber es wird zum Aufwärmen Fußball gespielt. Mit einem Tennisball. Fußtennis. Dort kannst Du Dich umziehen.

Sifu begrüßte mich dann auf Deutsch, er habe seine Ausbildung in Deutschland gemacht, in Baden-Württemberg. Mit fast allen konnte ich mich sprachlich verständigen, und der gemeinsame Kampfstil beseitigte dann die restlichen Schwierigkeiten. Sifu schaute sich an, was ich da so machte, und lobte meine Ausbildung. Trotzdem hat jeder Lehrer seinen eigenen Stil, und dieser hier war deutlich ruppiger. Zuhause zielen wir meist auf die Brust, falls der Trainingspartner mal zu langsam oder die Technik nicht sauber ist. Nee nee, ziel ruhig auf die Stirn. Die kannst du nicht brechen, und wenn jemand einen Fehler macht, dann fühlt er den schon. Sonst wirst du bei einem Gegner, vor dem du Angst hast, immer auf die Brust zielen. Jo, ist was dran.

Am besten und lehrreichsten fand ich das Sparring. MMA-Handschuhe an (wie Boxhandschuhe, nur mit offener Handfläche; quasi nur gepolsterte Faustknöchel) und los gehts! Offenbart die eigenen Stärken und Schwächen deutlicher, als ich dachte. Und war ganz schön anstrengend, mental und physisch. Es war ein Geben und Nehmen - und zwar voll auf die Zwölf. Aber ich fands gut. Damit hätte ich den zweiten Schlagabtausch für heute hinter mir.

Sifu sagte, ich könne gern auch nur diesen einen Monat mitmachen, und er erließe mir sogar die Aufnahmegebühr. Am Donnerstag sei die nächste Stunde. Er könnte mir Handschuhe mitbringen, er bekommt bei seinem Ausstatter Rabatt. Ich könnte aber auch nach Nowa Huta kommen, um anzuprobieren. Trifft sich gut. Wollte mir sowieso solche Handschuhe zulegen. Aki, bis ich wiederkomme musst Du Dir auch so Dinger anschaffen! Mein Fazit des Trainings: Etwas unpräziser als zuhause, weniger technikorientiert, etwas realistischer. Und ein Schüler riecht nach Wurst.

19.3.12 23:23

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